Freitag, 9. August 2019
Zum Hören und Sehen
Hier noch eine Erinnerung an Russland:
Das Solovski-Kloster mit Glockengeläut und Mönchsgesang.
Gleichzeitig kann die Stimmung des russischen Nordens bei Regen erlebt werden, das nordische Licht und die Pilger in diesem Wallfahrtszentrum.

https://youtu.be/MKiQ-eY1wa0

https://youtu.be/P6mFu0ekiGs

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Donnerstag, 1. August 2019
Hansestadt Bergen
Deutsche Handelsniederlassung seit dem Mittelalter.
Dörrfisch und Getreide.
Marienkirche, die nach der Reformation ihre katholische Maria behielt.
Kirchenschiffe, Fährschiffe, Segelschiffe.
Fischmarkt.
Oper wie die Geisterbahn.
Die Bibliothek neben dem Bahnhof, gleich groß.

Eduard Munch, sein Werdegang, seine Vorbilder.
Straßenszenen.
Landschaftsbilder, Wasser.

Das vierte Museum dieses Nachmittags brachte mich zum Staunen.
Ein einziger Saal im oberen Stockwerk.
Drei Bilder, stumm an den gegenüberliegenden Wänden.
Kein Mensch.
Stille.
Ich allein zwischen diesen Werken.
Was heißt Bilder?
Teppiche, Tapisserien, meterlang.
Kein Muster, kein Bild, nichts Figürliches.
Farbe und Oberfläche.
Schillert, leuchtet, glänzt matt.
Farben ohne Namen.
So soll Kunst sein.
Etwas, das wirkt durch sich selbst.
Stumm und ohne Erklärung.
Wortlos.

Am Abend ein Orgelkonzert in der evangelischen Johanneskirche.
Gleich wie unsere Johanneskirche, gleich wie die evangelische Kirche im Stadtpark.
Nur viel größer.
Der Russe Bardin spielt BACH von Franz Liszt.
Spielt Bach.
Kleines harmonisches Labyrinth.
Ich sehe die Glasfenster.
Präludium und Fuge in C.
Nur vier oder fünf Farben.
Quadrate, Linien, Kreise.
Unendliche Wiederholungen.
Fantasie und Fuge in G.
Symmetrie.
Regelmäßigkeit.
Ich sehe Bach in den Fenstern.
Aber ich wünsche mir Musik wie der Teppich.
Flächig, breit und ohne Töne, nicht linear und regelmäßig.
Wortlos











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Letzter Literaturtip
Sehr schön zu lesen
und eine wunderbare Einführung in ein fernes, weites Land:

Willem Frederik Hermans:
NIE MEHR SCHLAFEN

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Mittwoch, 31. Juli 2019
Aurlandsfjord und Flamsbana
Wie ein Ast meines Apfelbaumes mit einigen Zweigen, so ist der Aurlandsfjord und reicht vom Atlantik bis weit ins Land hinein. Mitten ins Bergland.
Dort bin ich geschwommen.
Unter mir kaltes blaugrünes Wasser.
Darüber bewaldete Berghänge.
Ein schöner Sandstrand, gleich neben der Flussmündung.
Vom Berg heruntergekommen in einem Zug.
In einer Stunde.
Das Schiff dagegen fuhr durch die Verzweigungen viel schneller als der Zug und fuhr dennoch einen halben Tag.
Zweimal hab ich kurz das offene Meer gesehen.
Sonst einen Irrgarten von Inseln und Landzungen, und dem Kapitän vertraut.
Uferdörfer, Holzstege.
Landzungen.
Oder dichte graue Regenmauern.
Es hätte mich nicht gewundert, wenn der Kapitän von der Brücke herunter gerufen hätte:
Sag Erster Offizier Olaf, geht's da durch nach Bergen?










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Stabkirchen
Es war dann noch ein Fußweg von Ringebu, ein paar Kilometer in der heißen Sonne über ein Hügelweglein, bis endlich der spitze Kirchturm zu sehen war.
Ziel einer langen Fahrt:
Die letzten Stabkirchen, die noch übrig sind aus dem Mittelalter.
Nicht abgebrannt, nicht eingestürzt.
Protestantisch geworden in der Reformation, doch kaum verändert.
Holz ist der Grundbaustoff in Skandinavien und im nördlichen Russland. Das hat sich seit Wikingerzeiten nicht geändert. Die Räume sind deutlich kleiner als bei uns, bei Wohnhäusern wie in Kirchen. Holz wird bemalt und geschnitzt. Die Menschen haben Beziehung zu Holz, die Wohnlichkeit zeigt sich nicht nur in der Kirchenbestuhlung und Verzierung des Holztragwerks, sondern bereits im gestrichenen Lattenzaun um jedes Grundstück.
Wenn das Tor offen ist, darfst du eintreten.
Gleich hinter der Stabkirche von Ringebu liegt ein Gutshaus, da habe ich Kaffee und Kuchen bekommen. Und im ehemaligen Stall eine Werkstatt entdeckt. Dort werden, im Untergeschoß versteckt, Küchengeräte hergestellt. Norwegen baut nicht nur in Holz













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Samstag, 27. Juli 2019
Eine Trollgeschichte
Zuerst wollte ich ja nach Lom, ein Dorf mit einer der berühmten Stabkirchen. Kein Zug fährt dorthin, zuweilen Busse. Maria und Hakan hatten diesen Namen nie gehört.
Umsteigen müsste man in Otta, aber dort waren bereits zwei Züge ausgebucht. Der dritte hatte eine Stunde Verspätung. Der reservierte Platz war im Wagon 4, wo die Klimaanlage nicht funktionierte und der supermoderne Zug ein Wüstenklima bot.
Der Schaffner verriet mir (denn Fahrpläne sah ich nirgends), dass die folgende Station Vinstra sei, wo ich von einer Lodge zum Übernachten erfahren hatte. Sie läge in den Bergen und böte eine gute Ausgangslage zum Wandern im Land des Peer Gynt. Nach guten drei Stunden stieg ich dort aus und stand fast allein am leeren Bahnhof eines leeren Dorfes. Einen weiteren dort ausgestiegenen Gast fragte ich kurzerhand nach der Lodge, und er deutete auf die Berge. Kein Bus. So wurde ich höflich eingeladen, mitzufahren, weil die Familie denselben Weg hätte.
Das Lodge lang wunderschön im Wald mit Blick über das Peer Gynt-Land, das Zimmer war einfach und günstig. Aber es gab kein Restaurant. Nur unten im Dorf.

Am nächsten Tag die Wanderung.
Der heißeste Sommer Norwegens.
Ein moosiger Fichtenwald.
Keine markierten Wege.
Ein laues Berglüftchen.
Zuweilen unerklärliche Spuren im Waldboden.
Mitunter abgebrochene Baumstämme.
Fliegen, sobald man stehen blieb.
Übermenschengroße weiße Pölster,
beim Berühren kratzig hart.
Ich habe wieder zurückgefunden.
Hier fragte mich ein Mann mit langem weißen Bart, ob ich schon vom Trollinstitut gehört hätte. Im nächsten Dorf. Würde seit einigen Jahren eingerichtet. Mit internationalen Forschern. Naturverbundenheit sei günstig wegen der Feldforschung. Biologische und psychologische Kenntnisse hilfreich. Ich würde es mir gern ansehen, versprach ich. In den nächsten Tagen









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Trondheim
liegt dort, wo der lange, von unzähligen Fjorden, Flüssen und Seen durchzogene karge Flaschenhals Norwegens aus dem Norden in den bauchigen Tropfen breiten grünen Landes im Süden übergeht.
Der Hafen, der Fluss, die Brücken, die Holzhäuser und gepflasterte Gassen.
Ein langsames, fröhlich-freies Wogen.
Eine Olafstatue hoch über der Baustelle.
Eine "offene Kirche", in der gerade ein protestantischer Gebetsgottesdienst ist mit feiner Orgelmusik und einer Handvoll Gläubiger
und im Vorraum zugleich Heimische und Touristen an Broten kauen und auf Handys starren.
Das Kunstmuseum, dessen Hausmitte aus Glas ist vom Boden bis zur Decke.
Die katholische Domkirche, die nördlichste gotische Kirche überhaupt, ein spitzes steinernes Schiff quer zur Stadt.
Das Inselchen vor der Stadt, wo an ein Benediktinerkloster erinnert wird und an ein Gefängnis und sogar an ein Fort, und die Flugabwehrgeschütze sind noch da, aber die Menschen kommen zum Baden.
Mit dem Bus fuhr ich aus der Stadt auf einen Hügel. Dort erwarteten mich Marie und Hakan zum Grill am Seeufer, und ich lernte, Hängematten an Bäume zu knüpfen für die Nacht.
Dunkel wurde es wieder nicht

















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Donnerstag, 25. Juli 2019
Klares Licht
Tromsö liegt so sehr am Wasser wie nur möglich.
Auf einer Insel.
Über 30 Kilometer hat das Wasser Verbindung zum Meer. Zur Barentsee.
Da kommen Kreuzfahrschiffe und Vögel, auch Delphine.
Das Städtchen von der Größe Villachs hat eine Bibliothek, groß wie eine Kathedrale. Das zeigt Prioritäten.
Die nordische Universität.
Holzhäuser, gerade aufgerichtet zum Wasser.
Ein geschäftiges Leben auf den Straßen.
Auch noch um Mitternacht und später.
Was mir aber zuerst auffällt, als ich heraustrete nach dem Frühstück, zur Hafenmole:
das klare Licht.
Wie nach einem Gewitter.
Klares Sonnenlicht, kaltes Blau, zu jeder Tageszeit.
Auch wenn der Tag mehr als dreißig Grad hat.
Und mit großem Echo in allen Gassen, das Möwengeschrei.
Zornig, höhnisch.
Lästig, unerbittlich.
Von Tromsö gingen die Nordpolexpeditionen ab.
Auch die von Peyer und Weyprecht, 1872.
Damals lag die Tegetthoff in Tromsö vor Anker, bis die Ausrüstung beisammen war.
Bis man aufbrach nach Russland, entlang Novaja Semlja.
Und dann drei Polarwinter im Packeis verbringen musste,
bis man Franz Josefs-Land entdeckte, die nördlichsten Inseln der Erde.
Peyer und Weyprecht brachten die ganze Mannschaft wohlbehalten zurück
bis auf einen.
Nordische Klarheit.











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Lesen in Russland
Auszugehen ist mindestens von Michail Alexandrowitsch Bulgakow, dem Kiewer Schöpfer der skurrilen Szenen des satanischen Schaustellers und seines aufrecht gehenden Katers, der das Theater und schließlich auch Moskau und ganz Russland in einen Hexenkessel verwandelt. Erst 26 Jahre nach seinem Tod erschien sein Jahrhundertroman "Meister und Margarita" 1966, und zwei Jahre später besang ihn Mick Jagger in "Sympathy for the Devil". Die mythologischen Gestalten landen im geschäftigen Moskau der 1930er Jahre, um sich an der gelehrten und literarischen Widerlegung der Existenz Christi durch die Kommunisten zu beteiligen. Den aufgeklärten Gebildeten, die den Gottesglauben für überholt halten, führt er aberwitzige Wunder vor und lässt Margarita auf dem Hexenbesen durch Moskau fliegen. Seine kleine Hilfsarmee aus Fabelgestalten arbeitet sich durch das zeitgenössische Stadtleben, um die Gesellschaft zu spalten und Satan darin einzunisten. Die Nachbarschaft von Surrealem und Realität findet in der detaillierten Romansprache statt, die beidem dieselbe Genauigkeit zukommen lässt und aus ihrem Aufeinandertreffen die Handlungsspannung gewinnt. Der Hieb Bulgakows geht gegen den korrupten Sowjet-Kommunismus und seinen Aufgeklärtheitsanspruch.
Salman Rushdie bezieht sich mit seinen "Satanischen Versen" (1988) ausdrücklich auf Bulgakow und fasst seine surrealen Figuren und Zeitreisen wie jener in einen realistischen Erzählton. Außer seinen Seitenhieben auf Khomeini in Paris lassen sich aber kaum gesellschaftskritische Anliegen erkennen, abgesehen von der Parallelgeschichte aus dem Leben Mohammeds, die den Revolutionsführer so erzürnt hat.

Ganz anders die Romane der Strugatzki-Brüder, wo in immer neuen phantastischen und utopischen Plots Eitelkeit und Wissenschaftsgläubigkeit der Gesellschaft vorgeführt werden. Seien es die Heldengeschichte des Weltraumfahrers Maxim Kammerer (Die bewohnte Insel), der unterentwickelte Zivilisationen an humane Standards heranführen sowie die menschliche Zivilisation vor der Einwirkung der Wanderer schützen soll - höher entwickelte Spezies, die noch nie angetroffen oder nachgewiesen werden konnten -, oder seien es Pfeffer oder Kandid, (Die Schnecke am Hang), denen es nicht gelingen will, von der Forschungsstation aus in den undurchdringlichen und scheinbar mit einer besonderen Intelligenz ausgestatteten Wald aufzubrechen: immer steht der Mensch vor unbekannten Welten, die sich seinem Zugriff entziehen. Es sind immer neue Konzepte einer unverständlichen Welt, die in einem Jenseits verbleibt und nur episodisch an unseren Grenzen anklopft. Die Konfrontationen sind unabsehbar und verweisen auf die unzugängliche Logik. Falls der Mensch ihnen beikommt oder zumindest standhalten kann, dann nicht mit wissenschaftlicher Rationalität, sondern mit Intuition und Heldenmut.
Roderic Schuchart, der Stalker, wird in "Picknick am Wegesrand" gezeichnet wie ein Westernheld, raubeinig, gewalttätig und trinkfest. Illegal dringt er immer wieder in die Zone ein, um ihr Wunderdinge zu entreißen, die er dann am Schwarzmarkt verkauft. Die Zone, das ist der Ankunftsraum der Außerirdischen, die einstmalige Begegnungsstätte, an der die fremde Präsenz noch immer wirkt. Ihre Durchquerung ist lebensgefährlich, ebenso aber auch der Absatz der Diebsbeute: der Stalker steht von beiden Seiten unter Druck. Der Gesellschaft und ihrer Wissenschaft gelingt es nicht, der Zone Herr zu werden - doch der Stalker schafft es mit Witz und Gespür, sich an ihre Rationalität anzupassen. Deutlich wird der satirische Unterton bereits in der Vorrede, wenn der Nobelpreisträger Dr. Pillman den Zusammenhang der einzelnen Zonen auf der Erdoberfläche mit dem Pillman-Radianten erklärt, als habe ein Fremder mit dem Revolver sechsmal auf die rotierende Erde gefeuert. Wenn aber Schuchart vor dem Allerheiligsten steht, bei seinem letzten, alles entscheidenden Vordringen in den gefährlichsten Bereich der Zone, dann stammelt er "einem Gebet gleich" Worte wie: "Wenn du aber tatsächlich so ... so allmächtig, so allwissend bist, dann versuch, mich zu begreifen! Wird einen Blick in meine Seele /.../ Meine Seele habe ich nie und niemandem verkauft!" Wenn Andrej Tarkowski nach "Picknick am Wegesrand" den Film "Stalker" dreht, dann lässt er all die mirakulösen Verkörperungen weg und stellt allein diese Wunscherfüllung in den Mittelpunkt der Durchquerung der Zone. Er lässt die drei Protagonisten darüber streiten, was der Mensch sich wünschen soll, wenn er weiß, dass der Wunsch tatsächlich in Erfüllung geht. In "Picknick" mündet Schucharts Ratlosigkeit wegen der richtigen Wünsche in ein stammelndes Gebet, das demjenigen Jesu am Ölberg ähnelt: Herr, dein Wille geschehe! Das kann beinahe an eine Mystik der Sprachlosigkeit erinnern angesichts der Übermacht und Weisheit Gottes - obwohl man auch hier den satirischen Unterton nicht überhören darf und genauso an die Möglichkeit denken muss, dass die mystische Ehrfurcht vor der Gottheit etwas anderes ist als vor einer Metallkugel am Schutthang eines Steinbruchs, und sei sie auch von einer fremden Intelligenz hinterlassen worden.

Vladimir Sorokin, der mich diesmal auf einer Russlandreise begleitet hat, gilt mir in vielem als Nachfolger der Strugatzki-Brüder. Die realistische und detailgenaue Beschreibung des Phantastischen, das ins Normale einbricht, der satirische Unterton, die Fabelwesen rund um den Menschen, die Fabulierfreude, die Zeitverschiebungen bzw. die Versammlung verschiedener Epochen und Sprachformen, und besonders das gesellschaftskritische Anliegen. Die Form der Utopie in "Telluria" setzt umfangreiche Kriegshandlungen in Eurasien voraus und zeigt neu entstandene und zurückgebildete Staaten in Europa, Russland und Fernost. An wenigen Stellen wird sogar direkt auf bestimmte russische Politiker verwiesen, wenn auch ironisch und im Rückblick. Das könnte als politische Warnung verstanden werden, namentlich vor dem politischen Islam. Der rote Faden dieser Sammlung von einzelnen Episoden ist ein Betäubungsmittel, das den Menschen in einen gehobenen Bewusstseinsstand versetzt, indem ihm ein Nagel aus Tellur ins Gehirn eingeschlagen wird. Durch diese Manipulation scheint sich die geistige Weiterentwicklung des Menschen erübrigt zu haben, er fällt auf frühere Stufen der Zivilisation und Humanisierung zurück, Ritter und menschenähnliche Tiere, Zwerge und Riesen treten auf und beteiligen sich am Handel mit Tellur oder an Kriegswirren. Technische Entwicklungen haben untergeordnete Bedeutung und tragen harmlose Namen: Grips für ein handyartiges Wunderding, das sich verwandeln und Hologramme erzeugen kann, ein Rucksack mit Hartstofftriebwerken, damit man durch die Luft fliegen kann. Siebenmeilenstiefel. Aber Herrschaft und Kriegsführung haben sich nicht geändert. Der Zynismus ist derselbe, neue beherrschte Rassen sind hinzugekommen.
Die Bewusstseinserweiterung durch den Tellurnagel wird verwendet, um mit Verstorbenen in Kontakt zu treten, für sexuelle Eskapaden, zur eigenen Vervollkommnung oder, in einem der letzten Kapitel, um als Jünger mit Jesus durch Galiläa zu ziehen und die Bergpredigt aus seinem Mund zu hören. Dafür nimmt ein Familienvater eine jahrelange Reise auf sich und riskiert mehrmals sein Leben, während er für seine Familie verschollen ist. Feudale Gesellschaften mit verschiedenen humanoiden Wesen, mittelalterliches Christentum mit Kreuzritterorden und überall Bezug zu Krieg und Tod, das ist die Welt, die Sorokin in Tellur zeichnet. Und warum entstehen solche Texte im autoritär geführten Russland?
Die Beiläufigkeit des Zynismus

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Montag, 22. Juli 2019
Karges Land
Es gibt einen Ort, dort kommen kaum die winzigsten Blütenpflanzen auf.
Wollgras, ja.
Moose, Flechten.
Schneeammer, auffällig flatternd, verheddert sich im drahtigen Gras.
Permafrostboden, unsichtbares Eis.
Als ich nach der Ankunft aus dem Hotel komme, steht dort ein Rentier und grast unbeirrt.
Coalmines Cabin, das ist keine Erfindung.
Es gibt ein Kaffeehaus, dort trifft sich die Schickeria der Insel.
Ein wunderbares Restaurant, leider keine Zeit.
Eine Bibliothek, ein Kultursaal.
Irgendwann kommen die Rolling Stones hierher.
Eine Kirche aus Holz, im ersten Stock.
Man geht durchs Kaffeehaus hinein.
Drinnen die Orgel, draußen das Klavier.
Alle Häuser auf Stelzen.
Holzhäuser in Bodenfarben, braun, grün, ocker, blaugrau.
Hölzerne Galgen auf den braunen Berghängen,
in langen Reihen.
Das waren Kohleseilbahnen.
Einige Minen sind noch in Betrieb.
Ein Drittel der Kohle für die Insel,
zwei Drittel für den Verkauf.
Hinausgehen zur Mine darf ich nicht.
Wegen der Eisbären.
Ins Dorf kommen sie nicht.
Aber wir sehen:
Arche Noah für Pflanzen
für vier Millionen Arten
300 Meter unter der Oberfläche
tiefgekühlt.
Riesenteleskope für meteorologische Forschung.
Die Universität für Polarforschung.
Die Station zur Erforschung der Aurora polaris,
die ins finstere Seitental ausgewichen ist wegen zu viel Lichts
in der monatelangen Polarnacht.
Hundeschlitten im Galopp über Sandstraßen.
Weißwangengänse trippeln über die Straße im Gänsemarsch. Die grauen wolligen Küken wollen nicht mehr und setzen sich hin. An Ort und Stelle.
Oben am Berg bläst ein kalter Wind.
An den braunen Hängen kann man die Erdzeitalter erkennen.
Alle.
Swalbard ist wirklich alt.
Die Wolken sind tiefer gesunken.
Am Ortsrand sind die Hundezwinger.
Lautes Gekläff, als wir aussteigen und sie bedauern.
Die Besitzer kommen zu Besuch, füttern sie.
Aber die Hunde wohnen hier draußen.
Das sind keine Stubentiere.

Zwei Rotkehlentaucher.
Als der Wagen anhält, bekommen sie es eilig.
Der Wind kräuselt das Wasser.
Die Sandpiste verliert sich in der Ferne.
Oben sind Schneeflecken.
Eine Holzhütte auf der Anhöhe, von Trappern bewohnt.
Draußen die Hunde, auf einem Gestell getrocknete Seehunde.

Es wird Abend, wir fahren zurück.
Das Licht hat sich nicht geändert.
Es wird noch Wochen so bleiben.
Sommer in Langyearbyen, Spitzbergen.
Aber in Coalmines Cabin gibt es einen Vorhang





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Freitag, 19. Juli 2019
Nordsonne
Nachdem sich die NORDSONNE für Wochen mit Wolken umgeben hatte, trat sie an einem Julitag wieder hervor und erweckte ihn bald nach Mitternacht durch ihr scharfes frisches Licht. Als ein Mann im oberen Stockwerk eines freundlichen Hauses in Murmansk sich mühsam von seinen Träumen verabschiedete, blickte er verdutzt in dieses Licht. Bald danach beschien ebendiese Sonne einen Rucksackträger, der über Schotterstraßen abwärts eile und gerade zugleich mit einem schwarzen Mercedes-Bus die Station erreichte und unter der geöffneten Heckklappe sein Gepäck verstaute. Durch das Dachfenster waren alle sieben Passagiere und der Fahrer gut sichtbar, von denen die meisten bald wieder schliefen. Nur der Fahrer, das kleine Mädchen und der Mann im T-Shirt beobachteten unentwegt die karge Landschaft, sobald die Straße von Murmansk weg nach Westen führte. Dort waren kleine Birken in der Überzahl, die selten eine Länge von mehr als sechs Metern erreichten, zuweilen waren Kiefern eingestreut. Es gab aber auch lange Striche gänzlich ohne Bäume, deren nackte graue Steinkuppen nur durch Heidekraut und weißgrünes Flechtwerk bedeckt und durch braunwassrige Moorseen unterbrochen waren. Diese flachwellige Erdgegend hielt der Sonne wenig entgegen und mochte noch nicht weit über das hinausgekommen sein, was seit Abermillionen Jahren auf dem Stein Fuß fassen konnte. Karg war das Land und dünn das Leben darin.
Dennoch zeugten vereinzelte Grabreihen und Gedenksteine, dass es großes Interesse an diesem leeren Landstrich gegeben hatte, und auch jetzt häuften sich Kasernen, Garagen und Abstellplätze für stahlbewehrte Fahrzeuge auf Rädern und Ketten entlang einer bestimmten Linie, und Soldaten marschierten weiterhin in Formationen über Wege. Vor einigen Jahren hatten sich die misstrauischen Nachbarn darauf geeinigt, gemeinsam nicht nur die Erdoberfläche, sondern mit großem Aufwand den Boden unter dem Meer zu untersuchen, und es entstand auf dem Meer eine überraschend große Geschäftigkeit, die über den bereits beträchtlichen Handelsverkehr des russischen Nordens mit Europa, der hier entlanglief, noch hinausging.
Nach unzähligen Halten und Kontrollen erreichte das schwarze Fahrzeug schließlich das erste Städtchen nach der Grenze, und mit einigen andern trat auch der T-Shirt-Träger heraus, streckte die Beine, ergriff den Rucksack und betrachtete die angrenzenden wenigen Straßen nun als sein Forschungsgebiet. Es gab einen Markt mit einigen wenigen Marktständen, an denen Fleisch und Wurst, Käse, türkischer Honig und Handarbeiten angeboten wurden, einige kleine Kaffeehäuser, ein Textil-, ein Werkzeuggeschäft, mehrere Verwaltungsgebäude, ein oder zwei bessere Restaurants, ein klotziges Hotel am Ufer des Fjords und ein Warenhaus mit zwei Eingängen, zwei Stockwerken und einer Rolltreppe. In der protestantischen Kirche in der Ortsmitte, die äußerlich einer Fabrik ähnelte, gab es bunte Glasfenster, farbige Wandteppiche mit Bibelszenen, eine Kanzel mit der Mutter Gottes sowie ein lebendes Kreuz mit mehreren plastischen Bibelfiguren, und gerade wurde die Orgel neu gestimmt, sodass schauerliche Schnarrgeräusche durch die Kirche schossen und die gar nicht wenigen Besucher erschreckten. Stürzten diese dann nach draußen, wurden sie von einer Schar riesiger Möwen unbarmherzig ausgelacht, sodass es weithin davon hallte

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Was ist ein Gespräch
Am ersten Tag in dieser fremden Stadt, deren Namen mich bereits im Geographieunterricht fasziniert hat, holte mich zur vereinbarten Stunde Ilija vom Hotel ab, ein vierschrötiger Mann um die Dreißig. Bereits am Weg zum Treffpunkt fragte er mich nach meinem Beruf aus, den er in der Beschreibung gelesen hatte, und wollte wissen, was Glauben sei. Er kannte den einen oder anderen, der gläubig sei, aber in seiner Familie niemand, und er als wissenschaftlich rational denkender Mensch könne sich das gar nicht vorstellen. Ich erwiderte, dass Atheismus dort noch anzutreffen sei, wo der Kommunismus geherrscht habe, aber keineswegs eine weltweite Erscheinung wäre. Während wir durch die Drehtür ins Kaufhaus traten und die Rolltreppen hochfuhren, kam er auf Hegel zu sprechen, der von Marx und Lenin oft zitiert würde, und ich bestätigte dessen Versuch, Religion philosophisch zu fassen, ohne dass ich ihn gutheißen würde. Schließlich traten wir, im Restaurant unterm Dach angelangt, an den entferntesten Tisch, wo schon zwei junge Männer warteten und uns freundlich begrüßten. Ilija fragte ohne Vorbereitung die beiden, ob sie an Gott glaubten, und beide verneinten freundlich mit dem Hinweis, rational erzogen zu sein. Auch alle später noch Dazukommende wurden von ihm mit der gleichen Frage empfangen, er bekam nicht immer eine Antwort.
Von beinahe jedem und jeder wurde ich gefragt, warum ich nach Archangelsk gekommen sei, und ich antwortete mit meiner etappenweisen Reise rund um Europa - das sahen sie ein. Wer weiterfragte, erfuhr, dass ich wegen Pawel Lungins Film Ostrov gekommen sei, sodass wir über russische Literatur und Filme zu sprechen kamen. Auch tasteten sie sich immer wieder an mein Priestersein heran, ob Priester erkenntlich sein müssten, ob der Glaube unserer Zeit entspräche und was ich über die russische Kirche dächte. Auf eine explizite Frage nach Aberglauben (von Ilija) sagte ich, dass Glaubenswachstum darin bestünde, besser und besser zu erkennen, was Gott sei - und was nicht, sodass ein Gottesgläubiger eigentlich ein besonders kritischer Mensch sein müsse.
Glaubensfragen waren der eine Teil unserer Gespräche, und am besten gefiel ihnen mein Vergleich des Gottesglaubens mit dem Vertrauen in einen Menschen, das ebenfalls immer ein Vorgriff sei, ein Entgegenkommen ohne Garantie auf eine adäquate Antwort. Der andere Teil der Fragen ging um Russland und die Russen, nach dem Klang der russischen Sprache und den Vorurteilen über die Russen, sowohl meine Erfahrungen wie Denken und Vorstellungen der Europäer.
Jedesmal wurde es still am Tisch, wenn eine Frage gestellt wurde, und mit großem Ernst besprach man sich dann. Ich war begeistert über ihre Neugier und erzählte ihnen über die üblichsten Gesprächsformen in meiner Heimat: das Überbietungsgespräch, bei dem man immer noch tollere Erzählungen hatte als der Gesprächspartner, oder das Assoziationsgespräch, bei dem immer wieder jemand etwas einfällt, für das man aus der Erzählung des anderen ein Stichwort nimmt. Das alles wäre mehr Selbstoffenbarung als Zuhören und Interesse, sodass jeder bei sich bleibe und den anderen bloß zur Selbstbestätigung benötigte. Sie waren erstaunt und entgegneten, dass Archangelsk ja eine Universität hätte und sie alle gebildet seien.
Neben mir saß ein stiller, freundlicher Schilehrer, dann eine junge Medizinerin, die gerade die letzte Prüfung gemacht hatte und nun eine Anstellung suchte. Dann Anna, die Journalistin, mehrere Techniker, darunter ein asiatisch Aussehender, der fröhlich erzählte, dass er bei früheren Treffen von Couchsurfern für den Gast gehalten wurde und man ihm stets chinesische Google-Übersetzungen hingehalten habe. André konnte ich nach Tromsö befragen, denn er hatte dort studiert. Und Lisa, die erst spät erschienen war, stellte sich als St. Petersburgerin vor, die am Vorabend ihren Studienabschluss in Psychologie gefeiert hatte und nun selbst gerade erst angekommen und sogleich mit ihrem Gastgeber zu der Versammlung geeilt war. Mit ihr sprach ich lange über Freiheit, über Reisen als Ausdruck von Freiheit, und über das Verwirklichen alter Träume wie jenes, einmal zu sehen, was sich hinter dem von der Schulzeit bekannten Namen Archangelsk verbirgt.
Mich hat immer die Ahnung begleitet, dass Fragen und Antworten die Urform des Gesprächs sei, und in der Stadt des Erzengels wurde sie wieder bestätigt






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Oberflächen II
Warum nochmals über Oberflächen sprechen?
Eine Rechtfertigung könnte sein, dass Russen und besonders Russinnen häufig mit dem Blick zum Boden gehen, wohl aus der Zeit, als man sich nicht verdächtig machen wollte oder von Männern unbehelligt bleiben will. Eine weitere kann sein, dass im Norden über Morast und Schneefelder Holzstege gebaut werden, über die man besser vorsichtig geht. Der wichtigste Grund ist aber Andrei Tarkovsky. Er ist nicht nur der Meister der Oberfläche, sondern auch Meister der Tiefe. Alle Elemente seiner Bodenmeditationen in "Stalker" habe ich heute wiedergefunden. Dazu muss man sich nur auf den Weg machen durch ein ungewisses, beeinträchtigtes Naturgebiet mit einer gewissen Ahnung und einer gewissen Bedrohung. Denis und Elena haben mir einen kopierten Zettel gezeigt, auf dem ein paar Linien gezeichnet waren, sowie ein Foto am Handy, und dazugesagt, das Haus wäre in den Dreißigerjahren Quartier für die Gefangenen des Gulag gewesen, danach eine Kadettenschule. Es wäre verfallen und unbeachtet.
Der mutmaßliche Weg war nach Regentagen schlammig, es gab verwachsene Schrottplätze, und am Ende musste eine leere Arbeitersiedlung durchquert werden, aus der zuweilen Geräusche drangen.

Die Tiefe der Oberfläche wird nicht erst erfahren, wenn man im Schlamm versinkt. Denken Sie an die Wasseroberfläche! An Flut und Ebbe, an das, was die Wellen anspülen und zurücklassen! Und das, worauf die Tundra der Insel steht, ist ja ebenfalls angespült und angeweht worden. In Wirklichkeit ist die Tiefe des Grundes das, was möglich macht, dass wirklich wird. Weiter unten ist es bloß möglich, weiter oben wird es wirklich. Die Gewächse des Bodens verwirklichen sich zuletzt in den Früchten - bis diese wieder zur Erde fallen. Und der Morast, auf dem der Mensch wandelt, lässt eine Geschichte werden mit genießbaren wie auch faulen Früchten

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Sonntag, 14. Juli 2019
Ostrov - die Insel
Vater Anatoly begann als Heizer eines Kohlenschiffs.
Seine hündische Angst vor den Deutschen brachte ihn dazu, seinen Kapitän zu verraten, an dessen Ermordung er sich schuldig fühlt.
Anatoly, der hustende Kauz, der als Heiliger verehrt wird, sich aber darüber lustig macht.
Doch er ist hellsichtig, wie gleich bei seiner ersten Heilung zu sehen ist.

Lustig macht sich der Film vielleicht auch über die Zuseher, die sich auf der Klosterinsel wähnen. Zu sehen ist aber stets nur die Küste des Weißen Meeres bei Kem, und niemals das Kloster. Und lustig macht sich Vater Anatoly auch über sie, wenn er so geschäftig Kohlen zu schleppen scheint mit seiner eisernen Schiebtruhe, da er doch der Heizer ist. In Wahrheit schaufelt er nur Steine - seht genau hin! Ein echter Sisyphus, sinnlos Steine schieben im Geröll.

Aber vielleicht war das gar nicht so sinnlos. Ich war heute im Gulag-Museum in Solovki. Ich habe dort Bilder gesehen von den Arbeitern auf der Gefängnisinsel des Archipel Gulag, wie sie Wälder roden, Gruben ausheben und fabriksmäßig arbeiten wie lebende Maschinen. Darunter viele Steineschlepper, massenweise. Das scheint überhaupt der Sowjetmensch gewesen zu sein, ein fügsamer, heldenhaft fleißiger Massenmensch. Hat Vater Anatoly diesen verhöhnt mit seiner Schlepperei?

Anatolys Leben besteht in der Totalhingabe an Gott aus Schuldigkeit. Er erhofft seine Erlösung allein aus dem Glauben, wie Luther es forderte, und setzt alles daran. Seiner umfassenden Schuld entspricht seine unbedingte Buße. Er, der nicht lesen kann, zitiert Tag und Nacht Psalmen und das Evangelium und wird so selber Text Gottes. Seine zerknirschte Hingabe macht ihn zum Seher, sein Eigensinn zum populären Heiligen. Diese Spannung liegt in seiner Gestalt.

Anatoly, der sich Gott übergeben hat, lässt seine Figur vor sich herlaufen. So kann der Steineschlepper zurecht den Heiligen als Schläfer bezeichnen, der keine Zeit hat. Er vollführt sein Spiel auf Erden, während der Heilige bei Gott weilt, und es ist sinnlos, weil die Menschen sich nicht zum Glauben durchringen können. Die Mutter, die keine Zeit hat für die Eucharistie und ihren kranken Sohn hysterisch festklammert, die angeblich Liebende, die ihren lebenden Mann tot sehen will wegen eines anderen, die Mitbrüder, die sich stoßen an seinen Späßen und auf seinen Ruf eifersüchtig sind. Anatoly ist der Zuspitzer, der Entscheidungen auf die Spitze treibt, der ein vorbehaltsloses Ja zu Gott fordert und nicht bekommt. Dafür schickt er den dummen hustenden Kauz, um den Glauben zu prüfen und zu fordern. Den Abt hat er möglicherweise bekehrt.

Tichon kommt, ihn zu erlösen. Weil auch er von der ungesühnten Schuld belastet ist, ist seine Tochter besessen. Um sie vom Dämon zu befreien, bringt er sie zu Anatoly und erlöst diesen. Und so frei wie noch kein Mensch steigt dieser in seinen Sarg, um seine Lebenshingabe zu vollenden. Ein Sühneleben als Steineschlepper für die vielen, die sinnlos die Tode gemartert wurden an diesem Ort, dessen Zugang er bewacht hat

http://www.solovki.org/de/html/Referat_Ackermann_de.html


Wers noch nicht gesehen hat:
unbedingt ansehen!
Dort bin ich gerade ...

https://www.youtube.com/watch?v=5N05t9nZ84I
.

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Oberflächen
Eigentlich bin ich ein Oberflächenforscher.
Das war mir lange nicht bewusst.
Oberflächen einerseits und Raumstrukturen andererseits.
Nehmen wir Archangelsk.
Endlos flaches Stadtgebiet.
Zu groß und weit für Menschen.
Zwischen den schnurgeraden Straßen und Boulevards aber immer Grünzeug.
Am Mittelstreifen, am Straßenrand, rund um die Wohnblocks, zwischen den Holzhäusern.
Hohes Gras, Farne, Stauden, Staudenwälder naturbelassen.
Diese Grünzonen sind Rahmen und Übergang in die Senkrechte, denn die Hausfassaden sind wieder schmucklos und flach.





Zurück am Boden: Pfützen.
Das zeigt, dass die Straßen doch nicht so flach sind, sondern von zahlreichen Vertiefungen (Löchern) aufgelockert.
Glatter Asphalt, aber dennoch immer knirschender Schotter von irgendeiner benachbarten Baustelle.
Neben der Fahrbahn Gehsteige, aus meterlangen Betonplatten, einzeln verlegt und mit jeweiliger Höhenlage und Raumneigung. Auch asphaltierte Flächen sind keineswegs überall flach, sondern lassen den Geher gerade dann, wenn er den Blick auf Hausnummern oder Straßennamen richtet, immer wieder auf eine Welle auflaufen und stolpern.
Und dann die Holzgehsteige. Zwischen hüfthohen Gräsern oder von Sträuchern wie ein Tunnel umgeben, leiten sie den Stadtbegeher entlang der Fahrbahn durch Längslatten, die zuweilen auch unterbrochen oder lose sind. Dabei treten vorher unsichtbare Geländeformationen auf, sodass die Stadt doch nicht so flach sein kann wie voreilig angenommen.

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Russische Fügsamkeit
Täglich sehe ich Warteschlangen.
Am Bahnhof sind vor jeder Kassa lange Reihen mit 20 oder mehr Kunden.
Ich habe ja bereits mein Ticket, aber nur einen Computerausdruck.
Ich gehe zum Info-Schalter im 1. Stock, nur 5 oder 6 Personen. Dafür bekommen sie ausführliches Service von der lange unsichtbaren Beamtin. Jeweils werden mehrere Formulare ausgefüllt in Schönschrift und Daten in eine Tastatur getippt mit spitzen Fingern und größter Ruhe. Nebenan ist die Gepäckausgabe, da bilden sich Parallelschlangen. Diese Beamtin geht immerhin mit ihren Kunden zum Gepäckschließfach und tippt deren Geheimzahl in einen Monitor, nachdem sie jeweils ein besonderes Nummern- und Tastenritual durchgeführt und dessen geheimnisvolle Auswirkungen abgewartet hat.
Dieselben Schlangen vor der Museumskassa.
Vor der Schiffskassa.
Vor dem Check-In am Flughafen.
Jedes Mal wird alles fein säuberlich auf Listen geschrieben und eingetippt.
Gelebte Ordnung.
Als ich übrigens nach 40 Minuten drankomme und meinen Ausdruck mit Reisepass vorweise, zeigt die Beamtin bloß müde auf den Zug, der hinter mir seit einer Viertelstunde hält. Dort weise ich der Schaffnerin meines Wagens wieder alle Papiere vor, sie nickt und macht ein Häkchen auf ihrer Liste. Das wars.

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Nordischer Garten










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Samstag, 13. Juli 2019
Die Insel im Klaren








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Die heftige Art zu reisen
Einmal vorsichtig nachgefragt am Flughafen, ob übermorgen noch ein Platz frei ist im Flug nach Solovetzki-Insel. Aber es gibt gar keinen Flug. Die Piste wird umgebaut. Hubschrauber? Schon voll. Also dann Bahn und Schiff. Aber das geht über Nacht. Ich bekomme den weiten Weg auf der Karte gezeigt. Das Schiff fährt nicht täglich. Heute geht ein Zug. Am Nachmittag. - So waren es also nur eineinhalb Tage in dieser Stadt.
Archangelsk, die Stadt des Erzengels.
Die Stadt der geraden Straßen.
Der Ordnung.
Wo keiner bei Rot geht.
Wo am Schutzweg angehalten wird.
Wo die Erzengelkirche wegen Renovierung geschlossen ist.
Das, was ich zuerst von dieser Stadt gesehen habe.
Am ersten Tag, gleich nach der Ankunft.
Am Weg, um noch ein Lokal zu finden, das offen hat, fast um Mitternacht.
Das Bierlokal war offen, die Kirche zu.

Ich teile das Abteil mit zwei Männern.
Ich habe das obere Bett.
Freundlicher Kontakt ohne Worte.
In der Nacht steigen sie aus, ein anderer kommt.
Pensionierter Tölpel.
Tratscht mit dem Tölpel vom Nebenabteil, als wären sie im Beisl.
Tiefe rauchige Stimme, ein wenig unterdrückt.
Um zwei werf ich sie hinaus, hier Schlafwagen, aha, Schlafwagen?
Sie gehen rauchen und kommen stinkend wieder.
Eine Rumflasche.
Kichern.
Ich habe doch geschlafen.
Tief nicht, denn ich muss ja in der Früh raus.
Die Schaffnerin kommt artig schon um 5 und bringt mir das Wechselgeld von gestern.
Als die Tür aufgeht, bin ich der erste, der über den Bahnsteig steigt, und bekomme das erste Taxi in Kem.
Strömender Regen.
Um Riesenpfützen herum mit 50 etwa eine Stunde.
Dann Warteschlange vor der Bootskasse eine halbe Stunde.
(Heißer Raum)
Das Pärchen getroffen vom Museum in Archangelsk.
Den älteren Herrn getroffen mit dem Riesenkoffer im Zug.
Das Pärchen aus Samara, wo ich vor fünf Jahren war.
Der Mann aus Longyearbyn, wir gehen Frühstücken.
Das Pärchen macht mich aufmerksam auf die Holzkirche aus Ostrov, die wir aus dem Fenster sehen. Als es kurz zu regnen aufhört, will ich hin. Sie gehen mit.



Die Holzkirche war gar keine Kirche, nur für den Film.
Sie ist am anderen Ende der Bucht.
Hohes nasses Gras, rutschige Granitfelsen.
Unzählige Holzhäuser.



Pawel Lungin hat den Ganzen Film über die Insel hier an der Küste gedreht.
Hier hat er gewohnt.
Hier die Mannschaft.







Mit gehobenem Gefühl kommen wir zurück.
Nassen Hosen, nassen Schuhen.
Böiger Wind, Regengüsse.
Die nassen Schuhe in den Heizraum, die trockenen an die Füße.
Der Philosophenkollege mit dem schweigsamen Sohn.
Russische Philosophie, katholische, protestantische.
Darüber ging der Vormittag hin, bis das Schiff da war.
Die Kapitänin hält eine ausgiebige russische Rede, während wir im Regen lauschen.
Dann werden wir an Deck gelassen und verschwinden im niederen Schiffbauch.
Für jeden ein Plätzchen.

Am Ende der ersten Stunde gab es einige überraschende Heber.
Manche sahen sich an und schluckten hinunter.
Es wurden mehr.



Einige gingen an Deck.
Einige zogen die Mütze in die Stirn und schliefen.
Der Pope legte sich über drei Sitze auf den Rücken.
Wahrscheinlich hat er sich auf den Atem konzentriert.
Ich konzentriere mich auf den heiligen Nikolaus, dessen Bild in der Mitte von der Decke hängt.
Von Entspannung keine Rede.
Höchste Konzentration und Anspannung.
Mein Blick fest und gerade.
Gerade bei den unerwarteten Hebungen.
Schließlich gehe auch ich nach hinten.
Im Stehen lässt sich das Schlingern besser abfangen und verstehen.
Es werden schließlich zwei Stunden, bis wir in die Bucht von Solovski einfahren.









Dann ein langer weicher Weg ins Dorf hinauf.
Nichts angeschrieben, das Touristbüro war dort, wo ich zuerst gefragt habe.
Dann gab es noch einige Kilometer, Missverständnisse, ein Mittagessen um drei, und schließlich ein Zimmer in einem Blockhaus.
Die anderen Bekannten habe ich alle wieder getroffen.
Am Abend ist es ganz klar geworden.
So plastisch und farbig und überwirklich.
Eine vom Schmutz gereinigte Welt.
Und bald ist wieder Mitternacht, und immer noch ist hell.

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Donnerstag, 11. Juli 2019
Archangelsk
Bin gut angekommen in Archangelsk,
lange weite gerade Straßen,
Menschen vereinzelt zielstrebig,
heute trüber windiger Tag.

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Freitag, 19. April 2019
Große Stadt am Weissen Meer
Archangelsk, Stadt der Erzengel, etwas größer als Graz, knapp unter dem Polarkreis, berühmt für die "weißen Nächte" von Mitte Mai bis Ende Juli.
Nordische Sagen erzählen von Plünderfahrten der norwegischen Wikingerkönige Erik und Harald am Dwina-Delta 918 und 970. Mönche aus Nowgorod gründeten im 12. Jahrhundert das Erzengel Michael-Kloster.









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Donnerstag, 28. März 2019
warum
Der Sommerhitze entkommt man auf den Bergen - oder im Norden.



Außerdem gibt es Sehnsuchtsorte aus Literatur und Film.














Richtig erkannt:
"Ostrov - die Insel",
von Pawel Lungin

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